Das Gepäck darf heute selbst ans Meer
Beim Packen für den Urlaub mit Hund entdeckt man seine Bestimmung als selbsttragender Koffer. Ein Lehrstück über die Reiseansprüche des Gepäcks.

Erster Akt: Die Besetzung
Der Vorhang hebt sich über einem Flur. Auf dem Boden stehen die Taschen für den gemeinsamen Urlaub mit Hund, daneben der Hund, daneben man selbst. Noch hält man diese Anordnung für eine Reisegesellschaft. Das Lehrstück wird diese Auffassung behutsam, aber vollständig zerknittern.
Man hat das eigene Gepäck gepackt und das Reisegepäck des Hundes dazugestellt. Nun betrachtet man die Henkel, die sich über den Taschen wölben wie die Portale eines sehr weichen Schlosses. Man greift hinein. Damit ist die Besetzung abgeschlossen: Der Hund spielt den Reisenden. Man spielt das Gepäck.
Die Verwandlung vollzieht sich ohne Donner. Man trägt weiterhin eine Jacke, kann sprechen und hat sogar Vorstellungen vom Abendessen. Das unterscheidet einen zunächst vorteilhaft von den übrigen Koffern. Vor allem aber trägt man sich selbst. Während die Taschen auf Beförderung warten, steht man bereits auf eigenen Beinen zwischen ihnen und erklärt: „Wir haben dieses Mal wirklich nur das Nötigste dabei.“
Dieser Satz ist als Halterzitat überliefert. Innerhalb des Stücks spricht ihn ein Koffer über seine Begleitkoffer.
Der Hund wartet gelassen auf die Abfahrt. Von ihm geht keinerlei Forderung nach dieser Neuordnung aus. Das macht die Szene erst feierlich. Man hat sich freiwillig in ein Gepäckstück mit Reisefantasie verwandelt und möchte für diese Zusatzfunktion ein Fenster.
Zweiter Akt: Die Ausbildung der Henkel
Die Bühne bleibt der Flur. Ein Ortswechsel wäre verfrüht, denn man hat die eigene Bauart noch nicht begriffen.
Man hält die Taschen links und rechts. Die Arme waren bisher Körperteile mit gelegentlichen Urlaubsaufgaben. Jetzt sind sie Henkel, die ihre Henkel spazieren tragen. Man hebt probeweise einen Ellbogen. Das gesamte Ensemble antwortet mit dem Rascheln von Stoff. Zum ersten Mal ahnt man, welche innere Bewegtheit in gewöhnlichen Koffern herrschen könnte, wenn sie sich bloß ausdrücken dürften.
Hier setzt der Chor der Reisevorfreude ein. Er wird von einem selbst gesungen, leise durch die Zähne. Man denkt ans Meer, an einen Balkon, an ein Frühstück, das nicht im Stehen stattfindet. Diese Wünsche passen in keine Seitentasche. Sie hängen außen am Gepäck und machen es unhandlich.
Der Lehrsatz dieses Akts lautet: Ein Koffer mit Sehnsucht nimmt mehr Platz ein als ein Koffer mit Hemden.
Man dreht sich vor dem Flurspiegel. Die Jackentaschen bestätigen den Verdacht. Reißverschlüsse, Fächer, ein Futter: Die Vorbereitung auf diese Rolle muss seit Jahren im Gang gewesen sein. Sogar das kleine Schild im Kragen war vorhanden. Man hat es nur stets für eine Waschanweisung gehalten.
Nun benötigt das selbsttragende Gepäck einen Anhänger. Auf der Bühne erscheint ein baumelndes Kärtchen am Jackenknopf. Es trägt den eigenen Namen. Das beruhigt ungemein. Falls man im Urlaub vor einem schönen Schaufenster stehen bleibt, lässt sich wenigstens feststellen, welches Gepäck sich dort für Keramik interessiert.
Der Hund setzt sich. Man bleibt stehen, um die aufwendig erworbene Selbsttragfähigkeit nicht gleich wieder infrage zu stellen. Hinter der Stirn rauscht bereits das Meer. Im Flur raschelt eine Tasche.
Dritter Akt: Die Bildungsreise des Koffers
Ein Lichtwechsel deutet die Ankunft an. Für Kulissen ist kein Platz mehr.
Man betritt das vorgestellte Urlaubszimmer und sagt: „So, wir sind da.“ Das ist der ergreifendste Augenblick des Lehrstücks. Ein Gepäckstück bestätigt sich selbst seine Zustellung. Niemand muss nachsehen, ob es angekommen ist. Es meldet sich sogar ungefragt und würde gern wissen, wie weit es zum Strand ist.
Damit beginnt seine Emanzipation. Man will nicht bloß abgestellt werden. Man will Aussicht. Man will abends am Wasser stehen und etwas Bedeutendes fühlen, das sich später mit „herrlich“ zusammenfassen lässt. Der Hund darf selbstverständlich mit. Man empfindet diese Formulierung als großzügig, obwohl man nach der ursprünglichen Besetzung zu seinem Gepäck gehört.
Auf einem Tisch liegen Ansichtskarten. Man wählt eine mit weitem Himmel und schreibt Grüße aus dem Urlaub. Unterzeichnet wird mit dem Namen vom Gepäckanhänger. Zu Hause wird man die Karte lesen und glauben, ein Mensch habe eine Reise unternommen. Dabei hat sich lediglich ein besonders beweglicher Teil des Hundegepäcks mit der örtlichen Papierwarenhandlung verständigt.
Für das Schlussbild kehrt das Licht in den Flur zurück. Die ganze Reise hat bisher in der Vorfreude stattgefunden. Man steht noch immer zwischen den Taschen, beladen mit einem vollständigen Aufenthalt samt Korrespondenz.
Der Hund steht auf.
Das Gepäck folgt.