Der Platz war nur kurz unbeaufsichtigt
Mein Hund legt sich auf meinen eben verlassenen Sofaplatz, und aus einer Tasse Tee wird das Beweisstück meiner vollständigen Entmachtung.

20.14 Uhr: Ich sitze auf dem Sofa, links neben mir eine Decke, rechts neben mir mein Hund. Vor mir steht eine Tasse Tee. Die Verhältnisse wirken stabil. Rückblickend war dies meine naivste Einschätzung des Abends.
20.15 Uhr: Der Tee ist leer. Ich erhebe mich mit der sorglosen Würde einer Person, die glaubt, ein Sitzplatz bleibe ihr auch dann zugeordnet, wenn sie ihn für die Dauer eines Küchengangs nicht körperlich absichert. Mein Hund hebt den Kopf. Ich deute das als Anteilnahme. Es war offenbar eine Vermessung.
20.15 Uhr und 12 Sekunden: Ich betrete die Küche. Der Weg beträgt elf Schritte. Beim sechsten Schritt fällt mir ein, dass ich die Tasse auf dem Tisch vergessen habe. Ich gehe trotzdem weiter, weil ich bereits eine Bewegung begonnen habe und in meinem Alter jede abgeschlossene Bewegung als kleinen Verwaltungserfolg verbuche.
20.15 Uhr und 39 Sekunden: Ich stehe vor dem Wasserkocher, ohne Tasse. Im Wohnzimmer ist ein leises Polstergeräusch zu hören. Es klingt nicht dramatisch. Es klingt endgültig.
20.15 Uhr und 51 Sekunden: Ich kehre zurück. Mein Hund liegt auf meinem Platz. Nicht ungefähr dort, nicht halb auf der Decke, sondern exakt in der Mulde, die ich in jahrelanger Kleinarbeit in das Sofakissen eingesessen habe. Kopf auf der Armlehne, Vorderpfoten parallel, Blick in den Raum. Die Sitzordnung ist nicht verändert worden. Sie ist neu gegründet.
20.16 Uhr: Ich bleibe vor dem Sofa stehen und halte die leere Hand so, als könne sie meinen Anspruch beglaubigen. Mein Hund schließt die Augen. Das ist kein Gespräch. Das ist die feierliche Eröffnung eines Gebäudes, zu der ich irrtümlich mit Hausschuhen erschienen bin.
20.17 Uhr: Ich hole die Tasse vom Tisch. Sie ist warm. Mein früherer Platz ist ebenfalls warm. Für einen Moment halte ich dies für eine lückenlose Beweiskette. Dann bemerke ich, dass Wärme zwar sehr überzeugend aussieht, aber keine Sitzfläche freigibt.
20.18 Uhr: Ich stelle die Tasse demonstrativ auf den Tisch. Anschließend setze ich mich auf die äußersten sieben Zentimeter des Sofas. Mein linkes Bein befindet sich im Wohnzimmer, mein rechtes offenbar bereits im Flur. Ich lächle in der angestrengten Art von Menschen, die eine offenkundige Niederlage als neue Vorliebe ausgeben.
20.21 Uhr: Mein Hund streckt sich. Dadurch schrumpft mein Gebiet von sieben auf vier Zentimeter. Ich rutsche nach. Nicht aus Rücksicht, rede ich mir ein, sondern weil die tektonischen Verhältnisse des Sofas dies nahelegen. Die Decke fällt zu Boden. Niemand fühlt sich zuständig.
20.24 Uhr: Ich versuche, den ursprünglichen Abend wiederherzustellen. Tee, Decke, sitzende Haltung, beiläufiger Blick. Das Ergebnis ähnelt einem schlecht nachgestellten Erinnerungsfoto. Der Tee steht zu weit weg, die Decke liegt unter dem Tisch, und ich balanciere auf einer Sofakante, deren Existenz mir vor acht Minuten noch unbekannt war.
20.27 Uhr: Mein Hund seufzt tief und zufrieden. Ich notiere innerlich, dass er den Platz offenbar angenommen hat. Danach verwerfe ich die Formulierung, weil sie so klingt, als hätte es ein Angebot gegeben.
20.31 Uhr: Ich stehe erneut auf, diesmal nur, um die Decke aufzuheben. Als ich mich umdrehe, hat mein Hund zusätzlich die vier Zentimeter übernommen. Das Sofa ist nun vollständig vergeben. Ich lege mir die Decke um die Schultern und trinke den Tee im Stehen.
20.34 Uhr: Der Hund verlässt das Sofa und legt sich auf den Teppich.
20.35 Uhr: Ich setze mich auf meinen alten Platz. Er ist inzwischen kühl.