Ich hielt mich für das obere Ende der Leine
Wieso tragen Hunde ihre eigene Leine im Maul? Ich hielt die Schlaufe noch fest und bemerkte meine Entmachtung erst an der nächsten Ecke.

Um 6:48 Uhr nahm mein Hund auf dem Gehweg die eigene Leine ins Maul. Nicht das Ende mit der Schlaufe, das hielt ich noch, sondern die Mitte, etwa 60 Zentimeter vor ihrer Schnauze. Ich betrachtete das als niedliche Beteiligung am gemeinsamen Spaziergang.
Das war meine erste Ausrede.
Sie ging los, den Kopf leicht angehoben, das Gurtband ordentlich zwischen den Zähnen. Ich folgte. Nach 14 Metern bemerkte ich, dass die Leine zwischen uns nicht mehr wie ein Führungsmittel aussah. Sie sah aus wie ein Gegenstand, den zwei Personen tragen, wobei eine Person genau wusste, wohin es ging.
Ich war die andere.
An der ersten Ecke bog sie links ab. Unsere Runde führte sonst rechts herum, doch ich wollte aus einer kleinen Sache keinen Machtkampf machen. Das sagte ich mir in jenem stillen Ton, den man benutzt, wenn man bereits nachgegeben hat und die Akte trotzdem noch als offen betrachtet.
Ich ließ sie.
Sie trug nun 1,8 Meter Leine mit der Würde einer Fachkraft, die das Betriebsmittel nach wiederholtem menschlichem Fehlgebrauch selbst übernommen hatte. Meine Schlaufe war nur noch der zweite Griff. Ich hätte sie loslassen können, tat es aber nicht, weil mir an der sichtbaren Verbindung zu meiner früheren Zuständigkeit lag.
Vor dem kleinen Park warteten wir 11 Sekunden. Sie kaute einmal nach, prüfte den Sitz des Bandes und sah mich an. Ich sagte: „Ja, ist gut.“ Damit bestätigte ich einem Hund, dass er die Leine korrekt hielt, obwohl diese Leine ursprünglich angeschafft worden war, damit ich etwas hielt.
Das war meine zweite Ausrede. Ich nannte es Kooperation.
Eine Frau kam uns entgegen. Sie sah zuerst den Hund an, dann das freie Stück Leine in meinem Griff und schließlich wieder den Hund. Ihr Blick blieb freundlich. Gerade das machte es schlimmer. Hätte sie gelacht, hätte ich die Sache als Missverständnis behandeln können. So nickte sie nur einer Kollegin zu, die ihren Vorgesetzten beim Außentermin begleitete.
Ich nickte zurück.
Nach 42 Sekunden erreichten wir eine Bank. Dort legte mein Hund die Leine kurz ab, schnupperte an einem Bein und nahm sie wieder auf, bevor ich nach dem Gurtband greifen konnte. Ich behauptete innerlich, sie habe mir den Gegenstand angeboten. In Wahrheit hatte sie ihn lediglich geparkt.
Von da an änderte sich mein Gang. Ich lief nicht mehr voraus, zog nicht nach rechts und gab keine Richtung vor. Ich achtete darauf, dass zwischen ihrer Schnauze und meiner Hand eine gefällige kleine Kurve hing, als wäre ich für die ordnungsgemäße Präsentation ihres Besitzes zuständig.
Um 7:02 Uhr kamen wir am Kiosk vorbei. Drei wartende Menschen konnten sehen, wie mein Hund mit der Leine im Maul anhielt und ich ebenfalls stehen blieb. Niemand sagte etwas. Ich erklärte trotzdem laut: „Die trägt sie gern selbst.“
Dieser Satz enthielt alles, was mir noch geblieben war: eine korrekte Beobachtung und die Hoffnung, sie klinge nach Absicht.
Erst am Gartentor gab sie die Leine frei. Ich nahm das feuchte Band entgegen und lobte sie für eine Übergabe, die sie weder angekündigt noch mit mir vereinbart hatte. Sie sah zufrieden aus.
Ich trug den Kotbeutel hinein.