Das Lehrstück vom Rasenfinale
Wenn der Hund nach dem Geschäft Erde und Gras aufwirbelt, gerät das Aufräumen des Menschen zum zweiten Akt einer großen Rasentragödie.

Vorspiel: Die Verteilung der Rollen
Man betritt den Rasen in der bescheidenen Annahme, eine Gassirunde zu absolvieren. Tatsächlich hat man eine Nebenrolle in einem Lehrstück angenommen, dessen Spielplan der Hund kennt und dessen Bühnenordnung er nicht aushändigt. Die Wiese liegt still, die Tüte wartet gefaltet in der Tasche, und aus der Ferne klappert ein Gartentor wie ein sehr kleines Orchester. Noch ahnt niemand, dass gleich zwei Disziplinen ausgetragen werden. Vorn beseitigt der Mensch die Spuren des Geschäfts. Hinten eröffnet der Hund mit kräftigen Pfoten den Wettbewerb um die eindrucksvollste Umgestaltung einer Grünfläche.
Die Grundannahme des Stücks lautet: Kein Geschäft ist beendet, bevor der Boden Gelegenheit zu einer eigenen Stellungnahme erhalten hat. Der Hund übernimmt deren Inszenierung. Wir übernehmen alles, was sich aufheben lässt.
Erster Akt: Die Pflicht
Der erste Akt beginnt ohne Fanfare. Der Hund wählt einen Flecken, prüft die Atmosphäre und verrichtet das Notwendige mit jener konzentrierten Würde, die uns Menschen bei alltäglichen Aufgaben vollständig abgeht. Man steht daneben und versucht, zugleich unbeteiligt, zuständig und landschaftlich passend auszusehen. Schon diese Dreifachrolle überfordert das Ensemble.
Dann tritt man vor. Die Tüte entfaltet sich mit dem leisen Knistern eines Vorhangs. Man beugt sich hinab, die Knie in einer Haltung, die weder Sport noch Andacht ist, und glaubt für einen kostbaren Augenblick, nun beginne der Abbau. Dies ist der pädagogische Irrtum des ersten Aktes. In einem Lehrstück dient jeder Irrtum dazu, später mit Erde beworfen zu werden.
Zweiter Akt: Die Kür
Während unsere Aufmerksamkeit dem vorderen Bühnenrand gilt, richtet sich der Hund hinten auf. Zwei Hinterpfoten nehmen Maß. Es folgt kein Scharren, sondern die feierliche Eröffnung einer Rasendisziplin, für die es bislang nur deshalb keinen Pokal gibt, weil kein Mensch schnell genug das Regelwerk notieren konnte.
Der erste Tritt hebt einige Halme. Der zweite befördert einen Erdbrocken in die mittlere Zuschauerreihe. Der dritte erklärt den gesamten Park zum Austragungsort. Man hält noch die Tüte in der Hand und erlebt, wie das eben geordnete Geschehen hinter dem eigenen Rücken in eine Landschaftsoper übergeht. Gras steigt auf, Erde zieht ihre Bahn, ein trockenes Blatt erhält überraschend eine tragende Rolle. Der Hund schaut nicht zurück. Große Darsteller prüfen nicht, ob die Requisite mitkommt.
Hier fällt das Halterzitat, das in jeder guten Aufführung vorgesehen ist: „Wir waren mit dem Vorderteil schon fertig, aber das Hinterteil hatte offenbar noch Programm.“ Es wird ruhig gesprochen, meistens zu niemandem, gelegentlich zu einer Hecke. Die Hecke urteilt nicht. Sie hat ähnliche Stücke gesehen.
Dritter Akt: Die Prüfung
Nun wird aus der geteilten Zuständigkeit eine Prüfungsordnung. Der Mensch muss gleichzeitig aufräumen, aus der Flugbahn treten und den Eindruck wahren, dies alles sei in der gemeinsamen Probe verabredet worden. Der Hund steigert unterdessen die Schwierigkeit. Aus einem Flecken werden zwei Bahnen, aus zwei Bahnen ein Fächer, aus dem Fächer ein sichtbares Vermächtnis an die nächste Parkrunde.
Die Bewertung erfolgt nach strengen, vollkommen unbekannten Kriterien. Weite zählt, doch Haltung zählt mehr. Überraschung bringt Zusatzpunkte. Besonders hoch wird offenbar gewertet, wenn ein einzelnes Stückchen Erde exakt dort landet, wo der Mensch gerade seinen Schuh aus der Gefahrenzone gebracht zu haben glaubte. Wir erkennen daran die höhere Schule: Nicht die Fläche wird verändert, sondern unser Verhältnis zur Gewissheit.
Am Rand bleibt ein anderer Halter stehen. Er sieht das Finale, nickt mit der ernsten Anteilnahme eines Menschen, dessen Ensemble ebenfalls auf Tournee ist, und geht weiter. Kein Applaus. Im Lehrstück vom Rasenfinale gilt Schweigen als fachkundige Anerkennung.
Nachspiel: Die Siegerehrung
Wenn sich der Staub legt, steht der Hund mitten in seinem Werk. Hinter ihm liegt eine kleine Furche, vor ihm der nächste Weg. Man selbst hält die ordentlich verschlossene Tüte und betrachtet die Bühne, als müsse nun jemand eine Urkunde bringen. Doch die Siegerehrung fällt aus. Der Champion schnuppert bereits an einem Grashalm, der mit dem gesamten Wettbewerb nichts zu tun haben will.
Wir verlassen den Platz gemeinsam. Der Hund trägt den Sieg. Man trägt den Rest.