Das Amt für ein einziges belastbares Wort
In der häuslichen Einpersonen-Konferenz hört der Hund ganze Vorträge und beglaubigt nur das vertraute Wort, während man am eigenen Redeschwall scheitert.

Mit Wirkung zum nächsten ausgesprochenen Satz tritt im Wohnzimmer die Verordnung über die Mindestverständlichkeit häuslicher Hundekommunikation in Kraft. Sie betrifft jeden Menschen, der vor einem sitzenden Hund eine Einpersonen-Konferenz eröffnet und dabei glaubt, ein ganzer Satz müsse schon deshalb verständlich sein, weil er vollständig ist. Der Hund übernimmt in diesem Verfahren die Simultanverdolmetschung. Er hört den Vortrag, prüft ihn auf belastbare Bestandteile und beglaubigt genau das eine vertraute Wort. Der Rest wird als unverbindliche Protokollnotiz abgelegt, meist irgendwo zwischen Teppichkante und Wassernapf.
Die neue Ordnung trifft den redseligen Halter unvorbereitet. Bislang durfte man annehmen, ein Hund verfolge mit stiller Anteilnahme Ausführungen wie: „Könntest du vielleicht einmal kurz den Ball aus dem Flur holen, wir wollen doch nicht wieder diese ganze Geschichte haben.“ Nun stellt sich heraus, dass im zuständigen Ohr lediglich „Ball“ Eingangsstempel erhält. Alles davor gilt als zeremonielle Vorrede, alles danach als nicht angeforderte Anlage. Der Hund erhebt sich, holt den Ball und lässt den Menschen in dem Glauben zurück, auch die Geschichte sei ordnungsgemäß gewürdigt worden.
Damit beginnt die große Sprachprüfung der warmen Stuben. Überall werden Sätze mit höflichen Nebensätzen aufgeboten, als müsse man vor einem sehr kleinen Untersuchungsausschuss bestehen. Man räuspert sich, entfaltet die Tagesordnung und spricht in jenem feierlichen Ton, mit dem sonst nur eine verlorene Paketquittung verlesen wird. Gegenüber sitzt der Beauftragte für Einwortauswertung, den Kopf leicht geneigt, die Ohren im Bereitschaftsdienst. Er besitzt keine Aktentasche. Das macht seine Autorität nur schwerer anfechtbar.
Besonders gefürchtet ist der Aushang zur anerkannten Wortliste. Niemand hat ihn je gesehen, und doch hängt er unsichtbar an jeder Küchentür. Auf ihm stehen offenbar Namen von Gegenständen, einzelne vertraute Zurufe und womöglich das Wort, das eben im entscheidenden Moment nicht gefallen ist. Der Halter hingegen liefert Sprache in Familienpackungen. Er fügt Begründungen, Rückblicke und eine vorsorgliche Entschuldigung hinzu. Aus einem kleinen Wunsch wird eine Regierungserklärung mit Teppichbezug. Der Hund filtert derweil ruhig den einzigen Eintrag heraus, für den sein innerer Schalter zuständig zu sein scheint.
Die Folgen für das häusliche Berichtswesen sind verheerend. Jede erfolgreiche Reaktion kann nun als Übersetzungserfolg verbucht werden, obwohl der Vortrag selbst weitgehend unbeglaubigt blieb. Man sagt siebenundzwanzig Wörter, der Hund reagiert auf eines, und sofort verkündet der Mensch, man habe sich vollständig verstanden. Das ist die Mehrheit, mit der im Wohnzimmer Verfassungen geändert werden. Der Hund trägt einen Gegenstand herbei. Der Halter erklärt die bilateralen Beziehungen für ausgezeichnet.
Schon bildet sich eine inoffizielle Beschwerdestelle. Sie besteht aus Menschen, die einander versichern, der Hund habe auch den Tonfall, die Absicht und vermutlich den gesamten kulturpolitischen Unterbau erfasst. Als Beweis dient sein Blick. Dieser Blick ist rund, aufmerksam und jeder Aktenlage überlegen. Er kann Zustimmung bedeuten, Geduld oder die stille Erwartung, dass in dem Vortrag endlich das verwertbare Wort erscheint. Die Behörde äußert sich dazu nicht. Sie wedelt einmal und vertagt die Auslegung.
Unterdessen eskaliert das Protokoll. Aus Sorge, missverstanden zu werden, verlängert man die Sätze. Aus längeren Sätzen entstehen ausführlichere Vorbemerkungen. Aus Vorbemerkungen wächst ein mündliches Amtsblatt, das durch den Flur zieht und an jedem Möbelstück eine Zuständigkeit vermutet. Der Hund folgt diesem Strom mit der Gelassenheit eines Dolmetschers, der weiß, dass am Ende ohnehin „Leine“, „Decke“ oder der eigene Name fallen wird. Sobald es geschieht, hebt er den Kopf. Im Menschen bricht Jubel aus. Die internationale Verständigung scheint gerettet.
Nun droht jedoch die höchste Stufe der Einwortverordnung. Der Mensch könnte bemerken, dass nicht der Hund am Gespräch gescheitert ist, sondern der Vortrag an seiner eigenen Pracht. Dann müsste man sämtliche häuslichen Ansprachen rückwirkend als Selbstgespräche mit fachkundigem Publikum einstufen. Jahre höflicher Erklärungen würden zu Ablagegut. Ganze Nebensätze verlören ihre Pensionsansprüche. Der Familienrat müsste einräumen, dass sein wortlosestes Mitglied seit Beginn der Sitzungsperiode am zuverlässigsten gearbeitet hat.
Der Hund sitzt noch immer da. Das Protokoll vermerkt: anwesend.