Der Grashalm übernimmt die Bauleitung der Schnüffelrunde
Warum schnüffelt mein Hund immer so viel beim Gassigehen? Die Wegstrecke wird zum Verkehrsprojekt, dessen Etat an einem Grashalm versickert.

Um 7:11 Uhr beginnt auf dem Gehweg das Lehrstück vom planenden Menschen und der prüfenden Nase. Der Lehrplan sieht 2,4 Kilometer in 41 Minuten vor. Das entspricht einer Durchschnittsgeschwindigkeit, die man am Küchentisch mit Kaffee und erschreckendem Vertrauen in die Zukunft errechnet hat.
Die Praxis eröffnet mit einem Grashalm.
Er steht 17 Zentimeter hinter dem Gartentor, leicht geknickt, wirtschaftlich unbedeutend und nach menschlicher Einschätzung bereits vollständig bekannt. Der Hund hält ihn dennoch für prüfungsrelevant. Damit endet der theoretische Teil.
Lektion eins: Der Stundenplan
Die erste Lektion behandelt den Unterschied zwischen Wegzeit und Untersuchungszeit. Wegzeit ist jene zarte Größe, mit der Menschen Termine, Frühstück und die Rückkehr an den Schreibtisch ordnen. Untersuchungszeit beginnt, sobald eine Nase den Boden berührt, und besitzt keine anerkannte Obergrenze.
Man wartet.
Nach 3 Minuten hat der Mensch sein Gewicht zweimal verlagert, die Leine auf 86 Zentimeter verkürzt und den Satz „Komm, wir müssen weiter“ in drei Tonlagen vorgetragen. Das Wort müssen ist dabei reine Bühnendekoration. Aufgeführt wird eine Tragödie über Zuständigkeiten, und die Hauptrolle gehört einem Halm mit einem geschätzten Restwert von null Euro.
Lektion zwei: Die Mittelverwendung
Nun folgt Betriebswirtschaft. Von einem Zeitbudget über 41 Minuten fließen 37 in die Prüfung ortsfester Kleinstvegetation. Das sind rund 90 Prozent. Weitere 3 Minuten entfallen auf menschliche Verhandlungen, während der verbleibende Rest als Rückstellung für das Öffnen einer Tüte geführt wird.
Der Hund arbeitet derweil ohne Hast. Erst wird die linke Seite des Halms geprüft, dann die rechte, anschließend der Boden in einem Radius von 12 Zentimetern. Eine kurze Unterbrechung dient nicht dem Aufbruch, sondern der Neubewertung aus nördlicher Richtung. Kein Verkehrsprojekt dieser Welt hat je eine gründlichere Bauabnahme erlebt.
Der Mensch blickt auf die Uhr wie ein Finanzvorstand, dessen gesamter Jahresetat in einem Kreisverkehr steckt. „Jetzt aber wirklich“, sagt man. Der Satz steht in keinem Zusammenhang mit einer erkennbaren Bewegung.
Lektion drei: Die Streckenbilanz
Bei Minute 24 wird Zwischenbilanz gezogen. Zurückgelegt wurden 38 Meter, davon 6 in die falsche Richtung, weil eine Böe offenbar neue Akten an den Wegrand geliefert hat. Der ursprüngliche Rundkurs ist zu diesem Zeitpunkt keine Route mehr. Er ist eine Absichtserklärung.
Die Prüfungsordnung verlangt nun eine Gegenüberstellung. Der Mensch misst Erfolg in Kilometern, der Hund in vollständig gelesenen Stellen. Der Mensch sieht einen Grünstreifen. Der Hund sieht dort ein mehrbändiges Archiv, dessen Fußnoten gestern Nacht ergänzt wurden und heute Morgen dringend gegenzuzeichnen sind.
Man könnte den Halm übergehen. Im Lehrstück ist das jene kühne Behauptung, die eine Nebenfigur kurz vor der Pause äußert, damit alle Beteiligten ihren Irrtum in Ruhe betrachten können. Denn kaum setzt sich die Gruppe 4 Schritte in Bewegung, folgt die Rückkehr zur Fundstelle. Offenbar fehlte eine Unterschrift.
Lektion vier: Die Abschlussprüfung
Um 7:49 Uhr kommt die praktische Prüfung. Der Hund hebt den Kopf, betrachtet den Weg und läuft 9 Meter in einem Tempo, das beim Menschen sofort neue Hoffnung auf planmäßige Fertigstellung weckt. Dann hält er am nächsten Grashalm.
Die Aufgabe lautet: Ordnen Sie diesen Vorgang entweder als Verzögerung, Anschlussprüfung oder vollständigen Neubeginn ein. Begründen Sie Ihre Antwort unter besonderer Berücksichtigung des Umstands, dass die prüfende Instanz bereits arbeitet, während die menschliche Projektleitung noch im ersten Kapitel ihres inneren Beschwerdeberichts feststeckt.
Niemand besteht.
Um 7:56 Uhr kehrt man nach 312 Metern zurück. Der Kalender gerät ins Rutschen, der Kaffee wird kalt, und im Vorgarten ist ein einzelner Grashalm nun lückenlos geprüft.
Morgen kommt der daneben dran.