Der Apparat und sein unerbittlicher Kritiker
Ein Hund erkennt Tiere und Menschen auf dem Fernsehbild, hört jedes Klingeln und erhebt das Sofa zum letzten unabhängigen Sitz der Programmkritik.

Es gibt Geräte, die zeigen ein Programm. Und es gibt den Fernseher im Wohnzimmer, dieses glatte Portal mit Millionen leuchtender Bildpunkte, zwei Lautsprechern und dem unerschütterlichen Ehrgeiz, den Hund persönlich herauszufordern. Sobald ein Tier durch sein Bild läuft, hebt sich auf dem Sofa der Kopf. Sobald ein Mensch durchs Bild eilt, folgt ihm der Blick. Sobald aus den Lautsprechern eine Klingel ertönt, ist die Vorstellung beendet und der Ernstfall beginnt. Der Hund hat erkannt, dass dieser schwarze Apparat nicht unterhalten, sondern die Grenzen des eigenen Hauses prüfen will.
Man selbst sitzt daneben und hält sich für Zuschauer. Das ist rührend. Tatsächlich ist man technischer Beisitzer in einem Zweikampf zwischen warmem Fell und kaltem Flüssigkristall. Der Hund übernimmt die Programmkritik mit jener Konzentration, die Menschen gewöhnlich nur aufbringen, wenn sie eine verlorene Fernbedienung suchen. Kein tierischer Nebencharakter passiert unbemerkt. Ein Vogel im Bild erhält eine kurze Musterung, ein galoppierendes Pferd eine ausführliche Lagebewertung, ein Hund in einer entfernten Filmszene die volle Aufmerksamkeit des Feuilletons.
Der Fernseher antwortet mit seiner stärksten Waffe: Er besitzt keine erkennbare Vorderseite des Gewissens. Man kann ihn anstarren, umrunden und auf verdächtige Geräusche prüfen, doch seine dünne schwarze Fläche bleibt so ausdruckslos wie das Tor einer Festung, deren Besatzung aus Kabeln besteht. Hinter ihr rauscht eine technische Unterwelt aus Prozessoren, Pixeln und einer Statusleuchte, die mit einem einzigen roten Punkt die Überlegenheit der Maschine verkündet.
Der Hund weicht nicht. Er richtet sich höher auf und verwandelt das Sofa in einen Kommandostand aus Polster, Decke und strategisch besetzter Armlehne. Man hört sich sagen: „Das war nur im Fernsehen.“ Dieser Satz gehört zu den großen menschlichen Beschwörungsformeln. Er soll zugleich den Hund beruhigen, die Architektur erklären und den Umstand verbergen, dass man selbst vor wenigen Minuten über eine erfundene Handlung empört war. Der Hund nimmt die Einlassung zur Kenntnis und verwirft sie wegen mangelnder Beweiskraft.
Dann klingelt es im Film.
Der Apparat hat damit den Vertrag des Wohnzimmers gebrochen. Aus Programmkritik wird Einsatzleitung. Der Hund springt vom Sofa und zieht in den Flur, denn offenbar findet dort ein unangekündigter Außendreh statt. Man folgt, weniger aus Mut als aus der dumpfen Hoffnung, die eigene Wohnung möge sich noch am selben Ort befinden. Vor der Tür wartet nichts. Das Schweigen im Treppenhaus ist vollkommen. Nur aus dem Wohnzimmer klingt bereits der nächste Dialog, als habe der Fernseher ein akustisches Täuschungsmanöver von geradezu imperialer Eleganz ausgeführt.
Zurück am Sofa beginnt die Gegenoffensive. Der Hund prüft den Bildschirm aus einem neuen Winkel. Er lauscht den Lautsprechern, deren kleine Öffnungen sich als Schießscharten des Klangs entpuppen. Er betrachtet sogar den schmalen Raum hinter dem Gerät, wo sich nach menschlicher Auffassung lediglich Staub und Kabel befinden. Nach seiner Auffassung ist dort jedoch die gesamte Besetzung untergebracht, einschließlich Pferd, Vogel, fremdem Hund und mindestens einer Person, die fortwährend an Türen klingelt.
Der Fernseher eskaliert nun mit technischer Grausamkeit. Er lässt Landschaften heranrollen, Räume verschwinden und Tiere in Schnitten auftauchen, die jeder vernünftigen Geografie Hohn sprechen. Eben noch stand der Hund im Bild links, schon erscheint er rechts, ohne den Flur benutzt zu haben. Ein solches Gerät kennt weder Strecke noch Tür noch Geruch. Es verfügt nur über Bildfrequenz, Lautstärke und die Fähigkeit, in jedem Augenblick eine neue Wirklichkeit aus der Wand zu ziehen. Gegen diese Ausrüstung wirkt selbst die Sofalehne wie eine ehrwürdige, aber hoffnungslos veraltete Befestigungsanlage.
Man versucht es mit der Fernbedienung, jenem kleinen Zepter, dessen Tasten angeblich Macht verleihen. Ein Druck macht den Ton leiser. Ein weiterer lässt die Bilder verschwinden. Für einen triumphalen Moment liegt der Fernseher schwarz und still da. Der Hund blickt zur Scheibe. Darin sieht er einen Hund auf dem Sofa, klar umrissen und aufmerksam.
Der Apparat hat seinen letzten tierischen Nebencharakter aufgerufen.
Man sagt nichts mehr. Die Kritik läuft.