Meine Beifahrerin schreibt Kritiken bei 80 Kilometern pro Stunde
Warum schauen Hunde beim Autofahren aus dem Fenster? Meine Beifahrerin erklärt jede Hecke zur Premiere, während ich vorn nur die Strecke verwalte.

Um 8:12 Uhr passieren wir die erste Hecke, und meine Beifahrerin richtet sich auf, als öffne sich gerade der Vorhang eines Hauses, für das ich keine Karten bekommen habe. Ich sage: „Das ist dieselbe Hecke wie gestern.“ Sie antwortet nicht. Sie schaut genauer hin.
Ich versuche es mit Sachlichkeit. Wir fahren zum Wald, erkläre ich, noch 14 Kilometer, voraussichtliche Ankunft um 8:29 Uhr. Links kommt gleich ein Getränkemarkt, rechts eine Reihe Garagen. Für kulturelle Höhepunkte sei diese Strecke nicht bekannt.
Die Garagen erhalten ihre volle Aufmerksamkeit.
„Du kannst nicht jede Einfahrt zur Premiere erklären“, sage ich. „Manche Einfahrten sind Wiederaufnahmen.“
Sie sitzt hinter der Scheibe, den Kopf leicht vorgereckt, und verfolgt einen grauen Zaun über ungefähr 40 Meter. Als er endet, wechselt sie ohne Pause zu einem Vorgarten mit drei Tonkübeln. Ich sehe beides nur am Rand, weil ich die Aufgabe übernommen habe, uns zwischen weißen Linien zu halten. Mein Beitrag zur gemeinsamen Kulturfahrt ist technischer Natur.
An der zweiten Ampel biete ich einen Kompromiss an. Ich könne langsamer an den interessanten Stellen vorbeifahren, sofern sie mir rechtzeitig mitteile, welche Stellen interessant seien. Sie betrachtet einen leeren Gehweg. Die Ampel wird grün.
„Das zählt nicht als Mitteilung.“
Keine Reaktion.
Bei Kilometer 7 beginnt ein Rapsfeld. Meine Beifahrerin hebt das Kinn und sieht hinaus, als hätte die Landschaft nach langer Mittelmäßigkeit endlich einen brauchbaren zweiten Akt geliefert. Ich frage, ob ihr die Farbdramaturgie gefalle. Sie schweigt. Ich frage, ob der Zaun davor den Gesamteindruck störe. Sie schweigt noch präziser.
Ich erkläre ihr, dass Kritik Austausch voraussetzt. Wer eine Aufführung bewertet, müsse sein Urteil wenigstens durch ein Seufzen kenntlich machen. Ich selbst habe seit Abfahrt bereits vier fundierte Beiträge geleistet, darunter eine Bemerkung zur Umleitung und eine scharfe Einordnung des Kreisverkehrs.
Sie dreht den Kopf zur anderen Seite.
Das trifft.
Um 8:24 Uhr überholen wir einen Kleinwagen. Für 6 Sekunden erscheint darin ein anderer Hund am gegenüberliegenden Fenster. Beide Kritiker sehen einander an. Es gibt keine Begrüßung, keine erkennbare Zustimmung, nicht einmal ein höfliches Nicken. Trotzdem habe ich sofort das Gefühl, einer Fachkonferenz beizuwohnen, zu der ich nur den Fahrdienst stelle.
„Falls ihr euch austauschen wollt, müsst ihr euch deutlicher äußern“, sage ich.
Der andere Wagen biegt ab. Meine Beifahrerin widmet sich einem Stromkasten.
Ich mache ein letztes Zugeständnis. Auf der Rückfahrt dürfe sie die Programmfolge bestimmen. Wald, Feld, Häuser, Hecken, alles verhandelbar. Ich verlange lediglich ein Zeichen, wann ein Werk beendet ist und das nächste beginnt. Vielleicht ein Blick zu mir. Vielleicht ein kurzes Blinzeln. Ich bin bei der Form offen.
Sie legt das Kinn für 3 Sekunden ab, dann zieht rechts eine Baustellenabsperrung vorbei. Sofort ist sie wieder aufrecht. Offenbar Pause vorbei.
Um 8:31 Uhr stelle ich den Wagen ab. Ich habe 19 Kilometer gefahren, zwei Umleitungen bewältigt und eine Parkplatzlücke getroffen, die höchstens 30 Zentimeter Spielraum ließ. Meine Beifahrerin steigt aus, ohne eine dieser Leistungen zu würdigen, und sieht zurück zur Straße.
Ich frage, wie sie die Fahrt fand.
Sie wartet vor dem Kofferraum auf die nächste Vorstellung.